ROSSMANN / ROSS UND REITER
2024
Die Arbeit „Rossmann“ greift die Hindernisse und das Motiv der Verbindung von Mensch und Pferd auf. In der Documentahalle befinden sich drei Sprunghindernisse, die aus jeweils zwei massiven Leinwänden bestehen und ebenfalls durch rot weiß lackierte Stangen miteinander verbunden sind.
Auf den Leinwänden sind Rossmänner, Wesen mit Menschenkörpern und Pferdeköpfen, die mit Hämmern auf die Stangen einschlagen. Die Rossmänner sind mit Lasurschichten in Öl gemalt. Das Farbspektrum der Bilder lehnt sich an die Fehlercodierung in der Restaurationsplanung an. Die letzte Schicht der Farbe ist Preußisch Blau, was die Malerei erst zu dunkleren Strichen macht. Die darunter liegenden Farbschichten scheinen durch. Die menschlichen Körper und Pferdeköpfe der Figuren stellen sich dem Leistungsprinzip entgegen, da sie eine Antithese zur klassischen Form des Zentauren verkörpern. Sie sind nicht benutzbar als Werkzeug und zerstören
die Hindernisse, die sie prüfen sollen.
Durch die variierte Stellung der Leinwände werden Rezipient*innen eingeladen, nicht nur die fertige Installation zu betrachten, sondern auch über deren Entstehungsprozess nachzudenken. Die Malereien der Rossmänner scheinen durch die Rückseite der Leinwände hindurch und brechen so ihre eigene Mo- numentalität und stellen sich so gegen die massiven, dunklen Statuen von Josef Wackerle. Sie sind Kreaturen des Widerstands und ermächtigen sich selbst.
Neben zwei der Hindernisse befinden sich Litfaßsäulen, die so wie die Plane vor dem Bundessozialgericht meine Recherche zu einem Teil der Kunst werden lassen. Diese sind mit Archivmaterialien und Skiz- zen meiner verschiedenen Arbeitsphasen tapeziert, mit Notizzetteln versehen, um wichtige Schlagworte rezipierbar zu machen. Die Säulen sind mit preußisch blauer Acrylfarbe bearbeitet, die die unter-chiedlichen Materialien visuell verbindet/ editiert, in dem sie einzelne Teile hervorhebt oder wegnimmt. Die Recherche ist ein elementarer Teil meines künstleri- schen Prozesses und erweitert für mich das Feld der Anbindung an die Kunst.
Eine zwei Meter große Malerei hängt hinter den Hindernissen. Auf ihr ist das Bundes- sozialgerichtsgebäude in einem Anschnitt in Preußisch Blau skizziert, eine Statue ist schemenhaft zu erkennen. Das massive Gebäude wird so seiner Macht beraubt und es wird deutlich gemacht dass es ein Wertegerüst darstellt, an das sich immer noch rechte Bewegungen anschließen können und dessen Wurzel in der Kaiserzeit liegen. Im unteren Teil des Bildes befinden sich pastose matschig, weiße Farbschichten in denen ein Selbstportrait und eines meines Urgroßvaters versteckt sind. Die Malerei bringt das Gebäude in den Ausstellungsraum hinein und verbindet die beiden Ausstellungen zu einem Komplex. Das Bild selber kippt und hat seinen Schwerpunkt im unteren lebendigen Teil und nimmt somit weitere Machtelemente der Architektur weg.
Durch beide Ausstellungen führen Hinder- nisse, wodurch Räume geschaffen werden. Diese sind für mich Sinnbilder der NS- Baurelikte, man muss sie wie Hindernisse behandeln/deklarieren/bearbeiten und sie auf unterschiedlichen Ebenen verändern. Sie bestimmen den Raum, in dem sie sich befinden und beeinflussen so unbewusst unser Verhalten. Durch diese Transformation und das Benennen der Leerstellen wird eine Kontinuität der NS-Ideologie unmöglich gemacht und, wie bereits erwähnt, der Makel zu einer Möglichkeit der Entwicklung. In beiden Ausstellungen ist das Spiel die Antithese zur NS-Ideologie.
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